Gegen das Schönreden

Die digitale Kommunikation hat in Zeiten der Pandemie eine sehr viel höhere Bedeutung bekommen. Doch nicht alle sind von dieser Art der Begegnung angetan. Uns erreichte der folgende, durchaus kritische Bericht einer Klientin:

 

Hallo zusammen,

heute möchte ich mich mal bei Euch und bei Ihnen zu Wort melden. Mir wird hier vieles einfach zu schön geredet und ich möchte meine Haltung zur digitalen Kommunikation mal deutlich ausdrücken:

Für mich persönlich ist unsere ins Netz gestellte „Frühstücksgruppe“ blödsinnig. Natürlich ist es schön, die anderen wieder zu sehen, nach dieser furchtbar langen Zeit der Pandemie.  Aber für mich ist das nicht face to face, wie unser Team immer sagt; wir können nicht eins zu eins miteinander reden. Das Persönliche ist für mich nicht zu spüren. So wie wir hier jetzt sitzen, während des Gesprächs, wenn ich Sie, Frau Witt, sehe, dann sind Sie so, wie Sie jetzt gerade sind. Wir können uns mit dem Gefühl begegnen, das gerade da ist. Wir verzichten hier im analogen Treffen darauf, uns rauszuputzen. Wir sind einfach die, die wir sind.

Das ist im Netz nicht so. Jeder versucht dort, das Beste aus sich herauszuholen. Man ist nicht man selbst. Ich schminke mich, damit die anderen meine Tränensäcke nicht sehen; ich achte auf meinen Hintergrund, auf den Blickwinkel, ich platziere mich und überprüfe, ob alles in Ordnung ist, ob meine Haare gemacht sind, ob es hinter mir super aufgeräumt ist; ich mache im Netz den Eindruck, als wäre alles perfekt, ist es aber nicht, weil wir alle krank sind. Ich glaube nicht, dass sich jemand so hinsetzt, wie er eigentlich ist, ungeduscht, echt.

In der digitalen Welt ist alles super, alles toll, alles easy. Das täuscht. Und die Vereinsamung wird durch das Netz auch nicht besser. „Friede, Freude, Eierkuchen“ wird suggeriert, stimmt aber nicht mit meiner Wirklichkeit überein.

In der digitalen Begegnung kann ich die Mimik nicht erkennen, den Atem des anderen, ich kann an seiner Gestik nicht erkennen, wie der andere Mensch ist, ich kann ihn nicht riechen. Man sieht nur noch, was man sehen will, bzw. was ich zeigen möchte.

Na klar; ich finde das Digitale auch gut, besonders für Menschen, die einsam sind.

Aber mir fehlt zu vieles. Ich möchte den anderen tendenziell anfassen. Die Körpersprache fehlt mir, die Wahrnehmung, wie der andere sitzt, wie er sich bewegt. Das kann ich in der digitalen Welt nicht erkennen.

Und: Video und Internet sind Orte, die nie vergessen. Vielleicht bin ich absolut paranoid. Aber ich bin davon überzeugt, dass man Telefone, Notebooks und Tablets hacken kann. Daten werden im Netz gespeichert. Alles stellt sich auf Digitalisierung um. Datenschutz hin oder her: Es gibt immer Leute, die cleverer sind – die Hacker, diejenigen, die ein Schlupfloch finden, um an meine Daten zu kommen, um an mich zu kommen.

Niemals würde ich einen Arzt über das Netz konsultieren. Lieber vereinsame ich. Wenn auch auf hohem Niveau.

Wie ich das Netz nutzen, möchten Sie wissen? Hauptsächlich höre ich Musik. Und die Bilder, die ich auf WhatsApp und Facebook teile, gehören mir sowieso nicht mehr, da ich den Datenschutzrichtlinien zugestimmt habe. Ich würde allerdings dort niemals etwas posten, was mich persönlich angeht. Ich halte  es oberflächlich, deshalb interessiert mich nicht, ob andere mich finden. An der Oberfläche kann gern jeder dran rumkratzen. Dort habe ich so groß nichts zu verheimlichen. Denn im Netz ist mehr Schein als Sein.

Überlebenswichtig ist für mich aber das menschliche Gespräch. Ich möchte die Ausstrahlung des anderen spüren, möchte fühlen, ob ich ihn ab kann oder nicht, möchte ihn riechen, ihn ganz wahrnehmen.

Danke für die Einladung in die STEPPS-Gruppe. Hätte ich gern angenommen. Aber nicht digital. Bei STEPPS zeige ich mein Inneres, meine persönlichen Themen, das, was mich im Inneren berührt, kränkt, verletzt, überfordert.

Die Pandemie dauert wirklich schon lang und wird noch lange dauern. Unsere Gruppen bei SDN dürfen nicht stattfinden. Ich verstehe das alles. Ich empfinde es aber als Selbstbetrug, mich vor die Kiste zu setzen, so zu tun, als höre ich zu, während ich eigentlich abschweife. In der echten, der analogen Gruppe kann ich auch abschweifen, versuche aber immer wieder, mich zu fokussieren. Natürlich fehlen mir diverse Gruppen. Zum Beispiel singe ich nicht übers Netz. Mir fehlt der Chor, mir fehlen die Hinterhof-Konzerte von SDN.

Ich setze mich weniger mit anderen auseinander, ganz klar.  Wenn ich mit jemandem etwas besprechen will, will ich ihn live ertragen müssen. Seine Mimik, die körperliche Präsenz. Als wir noch unsere Weihnachtsfeiern hatten, musste ich mich entscheiden, gehe ich hin oder nicht. Wenn ja, muss ich mich mit den anderen real beschäftigen. Man sieht anhand der Blicke, wie andere zu einem stehen. Man spürt das Knistern, man kann erkennen, ob jemand verliebt ist, ob sich eine Hochspannung aufbaut, ob es gleich knallt. Ich will von den Menschen etwas spüren können.

In der Pandemie verlernt man die Streitkultur, die Sozialkompetenz, man verlernt alles. Ich habe manchmal das Gefühl, alles fällt in sich zusammen.

Und: Wir bewegen uns hin zu einer asozialen Gesellschaft, wir sind leichter zu manipulieren. Im Netz und überhaupt. Wenn man die Massen trennt, die Menschen vereinzelt, dann ist jeder für sich einfacher zu manipulieren.

Deshalb setze ich mich – wenn das Wetter schön ist – lieber in den Heubergpark. Dort sehe ich Menschen; das ist für mich das reale Leben.

Vor dem PC zu sitzen, ist nicht real.

N. L.-I.

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