„Ich habe gedacht, ich versuche es einfach mal…“

Eine Ex-Klientin berichtet

Es war Winter und es war kalt. Als Frau M. aufwachte, hatte sie keinen Strom mehr. Er war abgestellt worden. Und keinen Kaffee. Das Geld hatte einfach nicht ausgereicht für Amphetamine und das, was sonst noch wichtig ist. Angekommen an diesem Tiefpunkt beschloss sie, es noch einmal zu versuchen, noch einmal das Leben herauszufordern und sich Hilfe zu holen.

Vier Jahre später hatte sie die Erfahrung von BeWo bei SDN gemacht, hinter ihr lagen auch eine Entgiftung und eine Langzeittherapie. Sie bewarb sich auf eine Stelle und konnte es kaum fassen: Sie bekam den Job. Sie kündigte das BeWo und ging ihren weiteren Weg allein.

Heute schaut sie zurück und erinnert sich. Denn: Sie möchte ihre Erfahrung teilen, möchte Mut machen.

Frau M., sind Sie heute glücklich?

Ich kann nicht sagen, dass es einfach toll ist. Alles in Allem bin ich schon glücklich, dass ich eine Struktur habe, dass ich mal wieder schön essen gehen oder mir etwas leisten kann, dass ich keine Angst haben muss, wenn die Waschmaschine oder der Staubsauger kaputt gehen.

Aber ich habe auf jeden Fall immer noch die Furcht, die Arbeit wieder zu verlieren; auch jetzt noch, nach vier Jahren, fürchte ich mich davor, wieder in den Hartz IV-Modus zu kommen.

Manchmal, wenn ich allein bin, komme ich nicht klar. Und es geht dann ganz steil bergab mit meiner Stimmung. Die Sucht habe ich zwar in den Griff bekommen, ich konsumiere keine Amphetamine mehr, aber mein depressiver Teil ist bei mir geblieben und macht mir zu schaffen. Ich brauche eine Beschäftigung, damit ich nicht die ganze Zeit auf meine depressiven Gedanken zurückgeworfen werde. Die kreisen immerzu in meinem Kopf herum. Ich habe eine chronische Depression.

Was hat sich verändert, seit Sie eine Arbeit aufgenommen haben?

Ich bin umgezogen, ich habe eine neue Wohnung, eine neue Küche, ich habe die Arbeiten von Anderen machen lassen, das konnte ich mir leisten. Ich habe mir einen neuen Freundeskreis aufgebaut, das war wichtig. Ich mache Sport. Weiterhin gehe ich zur Drogenberatung, auch jetzt noch, das mache ich seit zehn Jahren und die Gespräche dort tun mir gut.

Ich habe Kolleginnen und Kollegen, ich bin in einem Team; wir machen jetzt manchmal etwas zusammen. Das ist schön und macht mir Spaß.

Aber es war nicht einfach: Ich habe am Anfang viel auf der Toilette geweint. Ich war sehr schüchtern, habe keinen Piep gesagt, war ängstlich und zurückhaltend. In meinem Team sind ja nur Männer und das Metier war neu für mich. Es ist ein anspruchsvoller Job in einem technischen Bereich; und von dem, was ich dort mache, hatte ich vorher kaum Ahnung.

Ich hatte außerdem eine echt fiese Kollegin, die hat mir die Sachen im Betrieb nicht erklärt hat. Erst nach einem halben Jahr habe ich mich getraut, mit meinem Chef darüber zu sprechen. Ich wollte ja die Kollegin nicht anschwärzen. Ich hatte Glück, ich hätte auch Pech haben können. Der Chef hat die Büros getauscht. Hätte er das nicht gemacht, wäre ich wohl gegangen.

Sie haben sich damals auf eine Ihnen unbekannte Stelle beworben. Wieso waren Sie erfolgreich?

Mit meinen betrieblichen Kenntnissen konnte ich im Bewerbungsgespräch nicht glänzen: Ich hatte ja keine! Und:  Wie überbrückt man jetzt die 12 Jahre, die ich aus dem Beruf bin, in denen ich abgehangen habe, ein süchtiges Leben geführt habe, depressiv war? Da ist ja ein Bruch im Lebenslauf.

Ein bisschen kreativ war ich dann schon. Ich habe mir aus dem Internet sehr intensiv das Profil der Firma angesehen, ich habe das Organigramm auswendig gelernt und wusste so, wie die Firma aufgebaut ist. Ich habe mir angeschaut, was und wie produziert wird. Und das habe ich im Bewerbungsgespräch abgespult. Aber, wie gesagt: Ein bisschen Glück war auch dabei.

Und im Betriebsalltag war es am Anfang echt schwer: Man muss die technischen Daten verstehen, ich musste mir alles zig mal erklären lassen, musste technische Protokolle schreiben. Am Anfang habe ich gedacht, ich schaffe es nicht.

Und Sie haben durchgehalten.

Für mich war und ist es wichtig, meine Ziele nicht zu hoch zu stecken. Mich einfach mal rantrauen, es versuchen. Ich hatte ja nichts zu verlieren. Wenn ich gescheitert wäre, wäre ich eben wieder da gelandet, wo ich schon war.

So habe ich es auch mit der Entgiftung gemacht. Ich habe mich schon gefragt, ob ich die Entgiftung schaffe, die ersten acht Wochen waren damals der absolute Horrortrip. Erst nach acht Wochen habe ich Tabletten für den Schlaf bekommen. Ich habe den größten Respekt vor der Entgiftung und dem, was mein Körper da mitmacht; das würde ich nicht noch mal schaffen. Es gab ja keine Langzeit-Studien über Amphetamin-Entzug. Ich hatte Krämpfe in den Beinen, acht Wochen lang. Habe Parkinson-Mittel bekommen, damit die Krämpfe weggehen. Hätte ich das vorher gewusst, hätte ich es nicht gemacht. Das war wirklich Horror.

Sind Sie heute gesund?

Ich bin seit dem Entzug clean. Ich habe schon mal was getrunken, auch mal einen Joint geraucht, aber keine Amphetamine. Es war für mich in der Zeit des Konsums schlimm, von etwas abhängig zu sein, immer wegen einer Substanz jemandem hinterher rennen zu müssen, das ist ja zum Teil sehr erniedrigend. Die Menschen, mit denen man zu tun hat, würde man wohl ohne die Sucht eher nicht kontakten. Man wird sehr einsam. Man hat kein Geld, um den Kontakt zu denen, mit denen man etwas machen will, zu halten. Das ist heute schon anders. Ich lerne neue Leute kennen, kann einfach mal einen Kaffee trinken gehen oder essen gehen, ohne mir Gedanken machen zu müssen, ob das Geld reicht. Da ist schon Normalität drin.

Und es ist echt schön, nicht mehr von einer Substanz abhängig zu sein. Man funktioniert ja erst dann, wenn man die Substanz hat. Man erniedrigt sich, hört sich Sprüche an, hat Umgang mit Leuten, mit denen ich mich sonst nicht abgeben würde. Man sieht Sachen, mit Kindern, mit jungen Mädchen, die man sonst nur im Fernsehen sieht. Die dunkle Seite eben. Da will ich gar nicht weiter drüber sprechen.

Was hat Ihnen geholfen, aus dem Kreislauf rauszukommen?

SDN war eine gute Hilfe; ich habe mich ja allein gar nicht getraut, zum Arzt zu gehen. Ich hatte eine Scheidung hinter mir, der Job war weg, ich bin in die Sucht reingekommen. Ich wollte damals keine Psychopharmaka nehmen. Aber mit meinen BeWo-Fachkräften bin ich irgendwann doch zum Arzt gegangen. Wir haben eine Therapie angeleiert; das war gut für mich.

Dann habe ich mich beworben und meine BeWo-Kraft hat mich zum Vorstellungsgespräch begleitet.

Wenn man krank ist und süchtig lebt, sinkt das Selbstbewusstsein. Ich habe mir nichts mehr allein zugetraut. Gut war, dass da jemand an meiner Seite war und mit mich begleitet hat, zum Arzt, zum Amt, zum Bewerbungsgespräch.

Allein ist es hart beim Amt: Immer dieses Betteln um Geld, Anträge stellen, erfolglos sein, abgewiesen werden. Mit SDN ging das, da sind die Sachbearbeiter oft positiver gestimmt. Eigentlich traurig, oder?

Durch die Therapie ist mir dann bewusst geworden, dass ich die Sucht genutzt habe, um die ganze Quälerei nicht mehr zu spüren, das, was ich früher erlebt habe, aber auch das, was ich im Fernsehen gesehen habe, Krieg, Hunger. Ich hatte damals einfach keine Kraft mehr, alles wahrzunehmen. Ich habe auf meinen Tod gewartet. Gut, ich habe mich nicht prostituiert und ich hatte meine Wohnung noch. Ich habe wohl gedacht, dass ich das Leben so weiterführen würde, bis ich tot bin. Ich habe mir gewünscht, dass mich ein LKW überfährt, damit ich keine Schuld habe, damit ich mich nicht selbst umbringen muss. Ich hatte mich aufgegeben, richtig aufgegeben. Ich brauchte zu dem Zeitpunkt eben Hilfe, brauchte jemanden, mit dem ich dem Weg zusammen gehen konnte.

Aber es ist durch die Therapie nicht einfach alles weggegangen. Ich habe gelernt, zu reflektieren; ich denke viel nach, über mich, über das Leben. Manches, was ich in der Therapie gehört habe, wird mir erst jetzt klar. Die Geschichte mit der Achtsamkeit zum Beispiel: Ich wusste gar nicht, was die Therapeuten meinen, wenn sie sagen, ich solle achtsamer mit mir umgehen, auf mich hören, in mich hineinhören. Das ist auch heute oft noch schwierig und gelingt nicht immer. Aber schon etwas besser als früher.

Sind Sie heute in der Mitte der Gesellschaft angekommen?

Was heißt: in der Mitte der Gesellschaft?

Als ich meinen Freunden gesagt habe, was ich jetzt mache und wie ich das Leben sehe, sind einige Kontakte auf der Strecke geblieben.

Was komisch für mich war: den Kontakt zu „normalen“ Menschen wieder herzustellen, zu Leuten, die nicht konsumieren, die die dunkle Seite der Welt nicht kennen. Ich hatte anderen gegenüber Hemmungen, man fühlt sich klein; ich musste mich erst mal daran gewöhnen, das Selbstbewusstsein wieder aufzubauen und meine Gedanken über mich zu verändern.

Eine Beziehung wäre noch schön. Nicht so allein durchs Leben zu gehen.

Aber man kann nicht alles haben. Ich kann sparen, ich kann mir eine neue Hose holen, kann frühstücken gehen, kann in Urlaub fahren. Ich bin zufrieden. Jetzt bin ich mittendrin, ich bin ehrlich mit mir, ich reflektiere sehr viel. Ich gehe offen mit der Depression um. Ohne die Tabletten wäre es wohl nicht gegangen. Der depressive Teil ist durch die Tabletten etwas unterdrückt. Ich kann jetzt morgens aufstehen, ich will mich nicht mehr umbringen. Ich habe wieder mehr Kraft.

Aber ich muss mich auch immer noch zwingen, ich schiebe immer noch Sachen vor mir her. Ich werde niemals die Super-Putztante werden, zum Beispiel. Und es ist nicht einfach, dahinter zu gucken, bei sich selbst, zu erfahren, was mit einem los ist, wie schwach man ist. Es ist nicht schlimm, schwach zu sein. Ich konnte es früher mit meinem Ego nicht vereinbaren.

90 % der Kontakte habe ich gestrichen. Einige Freunde, die guten, habe ich behalten. Es ist nach wie vor schwer, neben ihnen zu sitzen und nicht zu konsumieren.

Großartig ist schon, dass ich frei von dem Druck bin, dass ich mich nicht mehr anderen unterordnen muss, dass ich selbst die Entscheidungen treffen. Ich bin glücklich, wenn der Tag normal ist, ich komme von der Arbeit nach Hause, habe ein gutes Essen, kann normal funktionieren, bin relativ gesund und nicht so stark beeinträchtigt, dass man das normale Leben nicht hinkriegt. Das habe ich gelernt.

Ich bin heute froh, dass ich das Leben auf der anderen, der dunklen Seite kennengelernt habe. Wenn mir jemand vorher erzählt hätte, wie stark ausgeprägt die Trägheit in dem Depri-Loch ist, hätte ich gesagt: „Stell dich nicht so an, du musst einfach mal was machen.“ Solche Sprüche helfen aber nicht. Und ich höre sie heute oft von Leuten, die ganz normale Probleme haben, die keine harten Rückschläge kennen. Und: Was andere für eine Katastrophe halten, dafür habe ich eher ein müdes Lächeln.

Heute weiß ich: Hätte ich die Hilfe nicht gehabt, wäre ich immer noch drin. Ich habe Leute gesehen, die an der Droge gestorben sind. Vorher hätte ich versucht, sie zu retten. Aber ich beiße mir nicht mehr die Zähne aus. Das ist mir zu anstrengend. Den innerlichen Kick muss man selbst bekommen. Vielleicht muss man tief fallen. Bei mir war es, als der Strom weg war.

Ich gebe Leuten, die auf der Straße leben, etwas Geld. Ich weiß, ich soll es nicht machen. Aber ich gebe jedem Bettler Geld. Manche Kolleginnen verstehen das nicht, aber die haben eben auch noch keine Tiefen erlebt, sie kennen es nicht, verstehen es nicht.

Es wenigstens einmal versuchen, das ist man sich schuldig, es einmal probiert zu haben. Und dass es bei mir eine Erfolgsstory wird, hätte ich mir nicht träumen lassen…. Das macht ja vielleicht auch anderen Mut.

Frau M., herzlichen Dank für das Gespräch.

Das Gespräch führte Martina Witt, Dipl.Soz.Päd., Geschäftsführerin der SDN Soziale Dienste Niederrhein GmbH,

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