Vom Glück des Lernens

Das STEPPS-Curriculum galt bei uns seit Jahren als Präsenzveranstaltung: Zehn Klient*innen, zwei Trainer*innen, ein großer Tisch, an dem alle Platz finden, ein weiterer Raum, in dem wir unsere Atem- und Achtsamkeitsübungen machen.  Dienstag Morgens in der Zeit von 10 bis 12 Uhr war es bei uns trubelig.

Dann kam die Pandemie und in den Einrichtungen der Sozialen Arbeit sickerte im Sommer 2020 die Erkenntnis durch, dass auch wir uns der digitalen Begegnung öffnen müssen, wenn wir unser Angebotsspektrum vorhalten wollen. Denn was bis dato als Conditio sine qua non in der Eingliederungshilfe galt – der face-to-face-Kontakt – wurde unter den veränderten Bedingungen zu einer Gefahr (gegen die wir uns mit Masken, Desinfektionsmitteln und ausreichendem Abstand ausrüsteten).

In unseren Teams wurde die Idee der digitalen sozialpädagogischen Praxis mit großer Skepsis diskutiert. Förderten wir nicht auf diese Weise den sozialen Rückzug, weil die Adressat*innen in ihren eigenen vier Wänden bleiben konnten? Würde die Digitalisierung unserer Begegnungen nicht zu einer Verflachung der Kontakte führen?

Hinter den Zweifeln und der Skepsis stand auch und vor allem die Verunsicherung. Der Umgang mit technischen Endgeräten beschränkte sich für viele bis dato auf die Dokumentation und auf den Schriftverkehr mit Kostenträgern. Aber für die Leitung einer STEPPS-Gruppe über Zoom meinten wir, kein ausreichendes Handwerkszeug zu besitzen.

Wir entschieden uns, zu lernen (was auch sonst?) und beschäftigten uns in der Folge mit Lizenzen, Break-out-sessions, Whiteboards und Chats. Dabei stellten insbesondere die Älteren unter uns fest, dass viele der Adressat*innen uns voraus waren und den Umgang mit Endgeräten durchaus zu ihren Alltagskompetenzen zählten. Das hatten wir ja eigentlich immer schon gewusst (und eher kritisch gesehen), nun erlebten wir in der STEPPS-Gruppe, wie es ist, gemeinsam zu lernen. (Sofern es denn ein Machtgefälle in den Arbeitsbeziehungen zwischen Trainer*innen und Teilnehmer*innen gibt, kam dieses ganz schön ins Schwanken.)

Die Adressat*innen sind froh über die wöchentliche STEPPS-Gruppe. Sie sind pünktlich (haben ja auch keine Anfahrt), motiviert und erleichtert über den sozialen Kontakt mit anderen (wenn auch in Form von „Kacheln“ auf dem Bildschirm. Die Teilnehmer*innen freuen sich über den regelmäßigen Termin, der sich letztlich recht unprätentiös genauso gestaltet wie in Präsenzform. Vielleicht braucht es ein wenig mehr an Moderation, ein wenig mehr an Achtsamkeit, ein wenig mehr an Nachfragen. Das Thema „Corona“ wurde anfänglich mehr thematisiert als der Umgang mit der Borderline-Erkrankung. Doch spätestens, als wir im Kapitel 17 selbstverletzendes Verhalten besprachen und dafür „geschützte“ Break-out-Räume nutzten, wurde die Intensität der digitalen Kommunikation deutlich.  In den „Pausen“ geben wir Gelegenheit zu informellen Treffen, auch das ein unbedingtes Muss bei STEPPS. Und manchmal, wenn wir sehr intensiv gearbeitet haben, spielen wir zum Abschluss „Montagsmaler“ auf dem Whiteboard. Auch das gefällt.

Allerdings: Manch einer Teilnehmer*in fehlt das Tablet oder der Laptop. STEPPS läuft dann übers Handy, was möglich, aber anstrengend ist. Wer keins hat, kann nicht teilnehmen. Soziale Ungleichheit zeigt sich auch und vor allem in einer unterschiedlichen Versorgung mit materiellen Ressourcen.

Und wir Trainer*innen? Wir sind nun in der Lage, „Meetings“ zu planen und Einladungslinks zu verschicken. Unsere technischen Kompetenzen nehmen zu, unsere Unsicherheit ab. Mittlerweile bleiben wir gelassen, wenn die Netzverbindung mal nicht funktioniert; wir wissen, dass wir wieder „reinkommen“. Wir haben gelernt, Atemübungen auch in der digitalen Welt anzuleiten (meist bitten wir die Teilnehmer*innen, dazu die Kamera auszuschalten). Wir entscheiden, ob wir uns selbst ständig ins Gesicht sehen wollen, ob wir die „Galerieansicht“ oder die „Sprecheransicht“ wählen und wie wir Kommentare im Chat hinterlassen. Wir lernen immer noch, entwickeln eine große Fehlertoleranz und sind glücklich, gute Angebote machen zu können.

Für unsere Adressat*innen eröffnen sich neue digitale Teilhabe-Möglichkeiten: Der Besuch der Jahrestagung des Dachverbandes STEPPS wie auch der Selbsthilfegruppe in Soest war für sie hoch interessant und bewegend.

Der digitale Aufbruch hat unser Handlungspektrum erweitert; darauf sind wir durchaus ein klein wenig stolz. Wir hoffen, dass wir uns nach der Pandemie die digitalen Möglichkeiten erhalten: In der Erweiterung der Optionen liegt das Geheimnis der Freiheit. Das gilt auch für die Soziale Arbeit.

Martina Witt

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